Ende des 2. Weltkrieges und Nachkriegszeit
Inhaltsverzeichnis:
Ohrweger Schulaufsätze zum Kriegsende (1945)
Was wir in Ohrwege in den Monaten Januar bis Juni 1945 erlebten
Was hat der Schulbezirk am Kriegsende von Januar bis Juni 1945 erlebt
Zusammenstellung mehrerer Aufsätze
Selbst gebauter Bunker mit einem Bett
Ohrweger Schulaufsätze zum Kriegsende (1945)
Eine Ausarbeitung von Hans Janssen (†1988) für seine von ihm angefangene überarbeitete Ohrweger Chronik“Schulchronik“ der Volksschule Ohrwege.
Am 31.08.1987 hat mir der ehemalige Lehrer in Ohrwege, Herr Bernhard Ripken, die Unterlagen zur “Schulchronik“ übergeben. Diese Lose-Blatt-Sammlung hat bisher wohl niemand einsehen können. Ich finde darin einige Schulaufsätze, meist ohne Namen und ohne Datum. Geschrieben wurden die Arbeiten im 7. Schuljahr (etwa 1949) der Schüler, die etwa um 1937 geboren sind, also nur wenige Jahre nach Beendigung des Krieges. Einige Aufsätze, leicht überarbeitet, vermutlich durch Herrn Ripken, lasse ich hier folgen. So bekommen wir noch einmal einen Einblick um das Geschehen im April 1945 in Ohrwege.
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Was wir in Ohrwege in den Monaten Januar bis Juni 1945 erlebten
Von Heinz Martens, Ohrwege, Wittkuhlenstr. 17.02.1949
Das Jahr 1945 sollte für uns eine gefährliche Zeit werden. Die Front kam von Tag zu Tag näher. Die Luftangriffe wurden immer häufiger. Wenn wir vormittags in der Schule waren, heulte oft die Sirene. Dann ging es Hals über Kopf in die Bunker. Der Flugplatz in Rostrup wurde mehrere Male angegriffen und ziemlich stark zerstört. Es dauerte auch nicht mehr ganz lange, da konnten wir nicht mehr in die Schule gehen. Morgens kamen immer schon die Tiefflieger und griffen alles, was sich bewegte an und mit einem Fuhrwerk traute sich fast niemand mehr auf die Straße.
Einmal waren meine Mutter und ich auf dem Felde und pflanzten Erbsen. Plötzlich kam ein Flugzeug und beschoss uns. Wir warfen uns blitzschnell in eine Furche und wurden zum Glück nicht getroffen, obwohl die Kugeln um uns herum in die Erde schlugen. Da waren wir noch einmal mit dem Schrecken davongekommen.
Der Krieg kam nun immer näher. Viele Leute sind ins Moor geflüchtet, aber wir haben uns in der Nähe des Hauses einen Bunker gebaut und haben den Durchzug der Front auf unserm Hof erlebt.
Eines Nachts wurden die Türen aufgebrochen und viele Soldaten kamen ins Haus. Es waren Deutsche. Sie waren auf dem Rückzug und quartierten sich bei uns ein. Es waren 80 Mann. Sie schliefen auf der Diele und in den Scheunen. Ihre Pferde trieben sie auf unsere Weiden.
Der Feind kam aber auch näher und plötzlich fielen im Dorf an mehreren Stellen Bomben und Granaten. Eine Granate fiel in etwa 5 Meter Entfernung von unserem Hause auf die Erde und auf dieser Seite des Hauses wurden alle Fensterscheiben zertrümmert. In der folgenden Nacht sind die deutschen Soldaten wieder weitergezogen. Die letzten haben die Bäume über die Straße gelegt und die Brücke über die Bäke gesprengt. Auch die Brücke über die Aue haben sie gesprengt, es sollten keine feindlichen Panzer hinüber.
Jetzt mussten wir auch tagsüber im Bunker sein. Wenn es etwas ruhiger war, gingen wir schnell ins Haus, um Essen zu holen und das Vieh zu füttern. In den ruhigen Nächten konnten wir das Schießen der Maschinengewehre hören.
Eines Abends konnten wir in der Nähe unseres Hauses ein Gefecht zwischen Deutschen und feindlichen Soldaten beobachten.
Im Walde saßen die Deutschen und 200 Meter von ihnen entfernt saßen in einem Graben die Feinde. Wir hatten große Angst, denn wir dachten immer, dass uns auch bald eine verirrte Kugel treffen würde. Noch unruhiger wurden wir, als von der Straße der Lärm der vorbeifahrenden feindlichen Panzer zu hören war.
Nach einigen Tagen wurde es ruhiger. Man hörte das Schießen nur noch aus der Ferne. Die Feinde waren weitergezogen. Schließlich hörten wir nichts mehr! Es war Waffenstillstand.
Eines Morgens kamen 2 Engländer. Sie wollten Gewehre und Photo-Apparate haben. Wir hatten noch ein altes Jagdgewehr, das nahmen sie auch mit, obwohl damit gar nicht mehr geschossen werden konnte. Nach und nach kamen jetzt auch die Leute zurück, die ins Moor geflüchtet waren. Manche fanden noch ihre Hauser vor, wie sie sie verlassen hatten, aber viele standen vor Ruinen, wo einmal ihre Häuser gestanden hatten. Überall auf den Weiden lag totes Vieh. Nach einigen Tagen hatten die Männer des Dorfes aber alles begraben.
Jetzt kamen auch öfter feindliche Soldaten ins Haus. Sie suchten alles durch und wollten Eier haben. Was sie immer suchten haben sie uns nicht gesagt und wir konnten sie nicht fragen, denn die meisten konnten ja nicht Deutsch. Aus den besten Häusern wurden die Leute hinaus gewiesen und die Besatzung quartierte sich dort ein. Nach einiger Zeit wurden auch diese Häuser wieder frei.
So hat der Krieg in unserem Dorf viel verändert. Viel Schaden hat er angerichtet durch die Zerstörung von insgesamt 43 Häusern und anderen Gebäuden.
Hoffentlich wird es niemals wieder eine solche Zeit geben.
Doch am schlimmsten hat es wohl die Familien getroffen, die einen oder mehrere Angehörige verloren haben oder die mit schweren Verwundungen dauernde Schäden erlitten haben.
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Was hat der Schulbezirk am Kriegsende von Januar bis Juni 1945 erlebt
Von Rolf Harbers, Ohrwege, Vor dem Kienmoor
Das erste Halbjahr 1945, in dem der 2. Weltkrieg sein Ende fand, ist mir noch sehr gut in Erinnerung. Ich war damals im 8. Lebensjahr. Mein Vater war Soldat. Bis Weihnachten 1944 war er in Norwegen und kam dann nach Italien. Seine Post kam damals immer ganz regelmäßig an. Wir hatten als Arbeitskraft einen Gefangenen, einen Franzosen, auch er bekam immer regelmäßig seine Post. Eine Flüchtlingsfamilie aus Ostpreußen wohnte auch bei uns.
Die feindlichen Flugzeuge flogen oft über unsere Gegend, hatten aber auch schon vorher meine engere Heimat mit Bomben belegt. Wenn am Tage feindliche Flieger gemeldet wurden und Fliegeralarm gegeben wurde, kamen wir sofort vom Schulunterricht nach Hause.
Mein Großvater und ich hatten uns nahe beim Hause einen guten Bunker gemacht und wir hielten uns beim Überfliegen der feindlichen Flugzeuge in diesem auf. Die feindlichen Truppen rückten nun immer näher heran und im Monat März wurde der Schulunterricht fast ganz eingestellt.
Von meinem Vater bekamen wir auch keine Post mehr. Anfang April bekamen wir Einquartierung. Die Schreibstube und die Küche von unseren Truppen war bei uns. An einem Vormittag hörten wir feindliche Flugzeuge und schon fielen die Bomben etwa 150 m von unserem Hause entfernt. Bei uns waren viele Fensterscheiben zerschlagen und das halbe Dach vom Wohnhaus war heruntergeflogen. Am nächsten Tage haben wir uns wieder Ziegel besorgt und konnten das Dach wieder in Ordnung bringen. Aber die Fensterscheiben konnten wir nicht ersetzen. In den nächsten Tagen haben wir dann mehrere Koffer und Kisten mit Kleidungsstücken, Geschirr, Speck und Wurst eingepackt und sichergestellt.
Am 28. April, Mittags 11 Uhr, gingen 4 deutsche Soldaten durch unsere Ländereien in Richtung Flakstellung*). Diese Soldaten müssen nun von den feindlichen Panzern, die inzwischen ins Dorf eingedrungen waren, gesehen worden sein. Um 12 Uhr setzte ein gewaltiges Feuer von den Panzern ein. Wir flüchteten in unseren Bunker. Das Feuer ging unaufhaltsam weiter. Nach einer kleinen Pause wagte mein Großvater sich eben aus dem Bunker heraus und musste feststellen, dass die Nachbarhäuser schon alle in Brand geschossen waren. Auch unsere Scheune mit dem Schweinestall stand in Flammen. Dann setzte wieder ein heftiges Feuer ein. Uns war es somit nicht möglich, die 17 Schweine und das Kalb, welche im Schweinestall waren, zu retten. Diese Tiere sind alle verbrannt. Gegen 3 Uhr wurde das Feuer eingestellt.
Nun sahen wir auf der Straße ca. 25 Panzer. Die feindliche Panzerbedienung ließ uns nun zu sich kommen; sie wollte Auskunft über die deutschen Panzer haben, aber hierüber konnten wir nichts berichten. Wir gingen dann wieder nach Hause, geschossen wurde nicht mehr.
Am nächsten Tage kamen drei amerikanische Soldaten und machten Haussuchung. Unser Nachbar Rothenburg, der nun auch kein Haus mehr hatte, wohnte dann bei uns. Am 8. Mai kam auch mein Onkel aus Scheps zu uns. Am gleichen Tage war auch Kriegsschluss. Meines Onkels Haus war nämlich auch abgebrannt. In dem Haus von Wortmeyer war Besatzung und uns wurde auch diese Familie zugewiesen. Wir wohnten dann mit 19 Personen im Hause.
Nach etwa 14 Tagen holten sich die Nachbarn jeder eine Baracke, diese standen in der Flakstellung*) und waren vorher vom Arbeitsdienst und später von Soldaten besetzt.
Von meinem Vater hatten wir nichts wieder gehört, er kam dann am 19. Juli 1945 aus der amerikanischen Gefangenschaft zurück.
Hinweis von Friedrich Hinrichs:
Bei den von Rolf Harbers genannten “amerikanischen“ Soldaten wird es sich wohl eher um Engländer oder Kanadier gehandelt haben.
*)Als Flakstellung wurden die fest aufgebauten Flugabwehrkanonen zum Schutz des Rostruper Flugplatzes bezeichnet. Von derartigen Stellungen befanden sich mehrere im Umkreis von Rostrup. In Ohrwege, am heutigen “Ilexweg“, gab es 2 Geschütze (2cm und 8,8cm). Dazu dann die entsprechenden logistischen Einrichtungen (Unterkünfte, Küche, …).
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Zusammenstellung aus mehreren Aussätzen
Von Bernhard Ripken, Dorfschullehrer
Kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, es mag etwa 1947 (Widerspruch zur Angabe im Aufsatz oben, das müsste noch aufgeklärt werden) gewesen sein, ließ Schulleiter Berndhard Ripken in der Aufsatzstunde einen Aufsatz über die letzten Kriegstage in Ohrwege schreiben. Vermutlich unter dem Eindruck der vielen Kindererlebnisse, die in den Aufsätzen geschildert wurden, fasste Herr Ripken die Ereignisse in Ohrwege noch einmal in einer eigenen Darstellung zusammen.
Dort schreibt er:
„Die letzten Monate vor Kriegsende haben dem Schulbezirk Ohrwege Wunden geschlagen, wie sie wohl nur wenige Dörfer Deutschlands erlitten, abgesehen selbstverständlich von den zerbombten Städten.
Als die Front am Küstenkanal zum Stehen kam, wurde Ohrwege zum Hinterland, das in die Beschusszone der feindlichen Artillerie einbezogen wurde. Doch verursachte dieser Artillerie Beschuss kaum nennenswerten Schaden. Die große Gefahr für das Dorf wurden die Tiefflieger, die alles und jeden angriffen, der sich sehen ließ.
Am 20.04.1945 wurden durch Jagdbomber drei Gebäude bei der Schule und alle großen Bauereien getroffen und zum größten Teil in Brand geworfen, dazu noch in Ohrwegerfeld hier und dort ein Haus. Als dann der Kanal von den Gegnern überschritten wurde, setzten sich deutsche Einheiten, meist Fallschirmjäger, in Ohrwege fest, so dass hier eine neue Front gebildet wurde. Die Bevölkerung wandte sich ins Fintlandsmoor nach Karlshof und lebte dort bei Bauern oder in primitiven Hütten, nachdem die wichtigsten Dinge entweder vergraben oder mitgenommen wurden. Nur wenige Familien blieben im Ort.
Als Panzer im Ort erschienen, entwickelte sich noch einmal ein kurzes Gefecht, ein Panzer wurde dabei abgeschossen, er stand bis 1948 bei Hünefeld am Mastenweg im Garten. Leider gingen bei dieser Gelegenheit nochmal mehrere Häuser in Flammen auf, so dass bei der Kapitulation 33 Wohnhäuser total zerstört waren, dazu eine große Anzahl von Ställen aller Art, Scheunen und Strohmieten. Häuser ohne Beschädigungen gab es wohl nicht.
Auch Menschenleben kosteten diese Tage. Etwa 20 deutsche Soldaten fanden den Tod, ebenso mehrere Kanadier und drei Bewohner des Schulbezirkes. Eine größere Anzahl Einwohner erlitt mehr oder weniger schwere Verletzungen und wurden zum Teil von den Kanadiern in weiter entfernte Lazarette geschafft. Besonders tragisch ist der Verlust zweier Jugendlicher nach dem Ende durch herumliegende Minen, davon einer noch im Jahre 1946. Die Verluste an Großvieh betrugen etwa 110 Tiere, eine große Anzahl Schweine und zahllose Hühner.“
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Selbst gebauter Bunker mit einem Bett
Erzählung von Friedrich Hinrichs, Wittkuhlenstraße, Ohrwege
Ähnlich wie in den Aufsätzen zuvor geschildert, hat auch meine Oma Anna Hinrichs (Witwe) mit ihren beiden Kindern Annelene und Georg die letzten Kriegswochen erlebt. Sie hat (wohl davon traumatisiert) uns als Kinder sehr oft davon erzählt.
Auf dem Feld wurden auch sie von Tieffliegern beschossen. Viel Zeit wurde auf dem Hof zuletzt in einem Bunker verbracht. Dieser war ihr von der fachkundigen Verwandtschaft (Teilnehmer am 1. Weltkrieg) gebaut worden. Auch ein Bett war darin aufgestellt. Den Eingang konnte ich noch in den 1960er Jahren sehen, der Rest war allerdings zugeschüttet.
Als die Front näherkam und dann durchrückte waren viele der Nachbarn ins Moor geflüchtet. Alle hatten wohl genug damit zu tun sich selber in Sicherheit zu bringen, so dass meine Oma davon nichts mitbekommen hatte. Bis sie dann alle drei von den “Tommies“ (Bezeichnung für englische Soldaten) aus dem Bunker geholt wurden. Sie mussten sich in einer Reihe aufstellen und dann wurden ihnen mit der Maschinenpistole einige Garben vor die Füße gesetzt. Viel Hausrat (Geschirr, …) war von Oma in Kisten verpackt und im Garten vergraben worden. Die “Tommies“ haben dann aber das ganze Hof- und Gartengelände mit dünnen Stäben sondiert, vermutlich auf der Suche nach Wertsachen (oder wegen möglicher Minen?) und leider auch alle Kisten gefunden. Mit dem Geschirr konnten sie wohl nichts anfangen. Das wurde von ihnen dann mit einem schweren Stein mutwillig zertrümmert. Und Georgs (meines Vaters) “Lieblingshuhn“ musste auch dran glauben. Im Haus wurde alles mutwillig verwüstet. Bis ihnen dann die Todesanzeige von Opa (gest. 1934) in die Hände fiel, da hörten sie dann damit auf.
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