Ohrweger Geschichten
Streit um die Rostruper Pferde im Jahre 1797
Der Name Gerd Brumund (1756-1800) taucht ab 1793 wiederholt im amtlichen Strafregister von Zwischenahn auf. Unter dem Einfluss von Alkohol ließ er sich zu einigen respektlosen Bemerkungen über die Regierungsbehörde in Zwischenahn hinreißen.
Gerd war – bei irgendeiner Gelegenheit – im Kruge in Zwischenahn (?) kleben geblieben, und da entschlüpften dem 37-jährigen unter dem Einfluss des Alkohols die despektierlichen Worte.
Strafregister Zwischenahn, 1793:
Gerd Brumund, weil er im öffentlichen Kruge besoffenen Mutes im Beisein vieler Personen verschiedenen Malen gesagt: “er früge nichts nach dem Amt“. 1 Rth. 18 Gro. Brüche oder 1 Tag Bolzenstrafe.
Ebenfalls 1793 im Strafregister Zwischenahn:
Gerd Brumund zu Ohrwege, weil er Oltmann Brüntjen im Kruge besoffenen Mutes herumgestoßen und herumgeschoben . . .
48 Grothe Brüche.
1797 taucht Gerd´s Name wieder in den Protokollen des Amtes Zwischenahn auf. Es handelt sich da um einen Streitfall zwischen den Dörfern Rostrup und Ohrwege um Weidegerechtigkeit an der Ollen.
Der Ohrweger Krug war zur Zeit Gerd’s in Pacht von Johann Wittjen gegen eine jährliche Pachtsumme von 1 ½ Rth. Wittjen hatte den Krug weiter verpachtet an seinen Heuermann Eilers, der in Wittjens Heuerhaus an der Landstraße die Wirtschaft betrieb. – Über diesen Krug urteilt 1806 der Zwischenahner Amtmann Lindelof: der Krug sei schlecht, höchstens ein Glas Genever könne man dort erhalten.
In diesem Kruge mögen eines Tages im Juni 1797 Gerd Brumund, Johann Wittjen, Christian Schröder und einige andere Ohrweger sich an Eilers Genever erquickt haben, als die Rede auf die Pferde der Rostruper kam, die an der Ollen entlang ganz bis auf Ohrweger Gebiet weideten. Das konnten die Ohrweger sich nicht länger gefallen lassen. Mit Hunden und Knütteln jagten sie die Pferde der Rostruper aus Ihrer Gemarkung. Die Rostruper beschwerten sich in Zwischenahn auf dem Amte.
Actum Zwischenahn auf dem Amte 1797, Juni 12.
Erschienen Hausmann Detjen sen., Lüer Hinzen, Johann Bruns und Gerd Roggemann von Rostrup und zeigten für sich und namens ihres ganzen Dorfes klagend an: daß Gerd Brumund, Hinrich Rögen und Consorten zu Ohrwege seit einigen Tagen die nach der Aue-Brücke (heute: Ollenbrücke oder Ocholter Straße) und Ollen streifenden Pferde der Rostruper weggeschlagen und mit Hunden durch den Morast wegjagend, so daß solche leicht Schaden dadurch nehmen können, obgleich in unbefriedeten herrschaftlichen Gemeinheiten dergleichen E x c e s s e nie s t a t u i r e t würden, auch erweislich die Rostruper Pferde immer ungehindert dorthin gestrichen und gebracht wären. Baten daher um ein „Mand. pönal. inhib.“ (Strafandrohung) an die Ohrweger.
Die Verwarnung an die Ohrweger muß sofort abgegangen sein, denn schon am folgenden Tage erschienen Gerd Brumund und „Konsorten“ und stellten die Gegenforderung, den Rostrupern zu verbieten, auf Ohrweger Gemarkung die Pferde weiden zu lassen.
Contin (Fortsetzung) 1797, Juni 13.
Brachten Gerd Brumund, Johann Wittjen, Christian Schröder und Anton Stulken für sich und namens der übrigen Eingesessenen zu Ohrwege gegen obige Klage und den Befehl zur Einrede, gestalten (daß die?) die Rostruper keineswegs ein Recht hätten, ihre Pferde nach ihrer, der Ohrweger Gemeinheit zu bringen und selbige darauf weiden zu lassen und sie, Beklagte, dahero auch jetzt, da solches unerlaubterweise geschehen, die Pferde zurückgetrieben hätten. Da inzwischen KIäger fortführen, seIbige dorthin zu bringen, so müßten sie bitten, ihnen solches bis zu ausgemachter Sache gänzlich von Amtswegen zu inhibiren.
Actum Zwischenahn a. d. Amte 1797, Juni 15.
Erschienen für sich und namens der übrigen Rostruper der Hausmann Johann Detjen, die Köter Lüer Hinzen, Johann Bruns, Otto Roggemanns Sohn Gerd.
Sie behaupten, mit alten “Leuten“ nachweisen zu können, daß sie berechtigt seien, ihre Pferde auf dem genannten Gebiet weiden zu lassen, indem der andern Vieh auch wieder in ihre Feldmark ginge und weide. Sie nennen 7 Zeugen.
Contin. Juni 21
Gerd Behlen, einer der Zeugen, „alt ins 90 te Jahr“, wohnhaft in Aschhauserfelde, sagt aus, daß seine Eltern 28 Jahre in Brunken Heuer in Rostrup gewohnt, er selbst 3 Jahre bei Brunken als Knecht gedient habe. Die Rostruper Pferde waren damals “längs die Retbrüche nach der ganzen Ollen gestrichen, woselbst sie solche nachher wieder suchen und holen müßen, doch wäre abseiten (von Seiten) der Ohrweger Eingesessenen nie eine Einschüttung oder Zurücktreibung geschehen.
Ähnlich sagten die übrigen Zeugen aus. So erzählte Brüntjen: daß er als „kleiner Junge“ seines Vaters eigene Kühe selbst an der Ollen bei der Auebrücke (Ollenbrücke) und noch weiter bis auf die Hauwieker Ollen geführt und geweidet in Gesellschaft mit Gerd Brumund, Johann Wittjen, Diedrich Schröder aus Ohrwege und Dierk Rippen aus Westerscheps.
Juli 7.
Am 7. Juli erfolgte der Urteilsspruch: Nachdem den Klägern und den Beklagten die Zeugenaussagen vorgelesen, „ward den Ohrwegern vom Amt bedeutet: daß in dem Amtsbefehl vom 13. Juni 1751 an die Ohrweger nach einem generellen Grundsatz keiner Dorfschaft in unbefriedigter Gemeinheit oder Heide und Weide einiges Schüttrecht zustehe, überdem die Rostruper sattsam durch unparteiische Zeugen erwiesen hätten, daß in älteren Zeiten ihre Pferde an der ganzen Ollen die Weide ungehindert mit dem Ohrweger Vieh mit dem Munde geteilt. Die Ohrweger sollen sich bei 20 Grote Herrschaftlicher Brüche alles Jagens, Hetzens und Schüttens der Rostruper Pferde gänzlich enthalten.“ Das Verlangen der Ohrweger nach eidlicher Abhörung der Zeugen wurde abgelehnt.
Nachtrag zum Streit Ohrwege/Rostrup aus den Originalakten des Prozesses, die der Landwirt Detjen aus Rostrup vorlegte:
Unter den von den Rostrupern beigebrachten Zeugen, die aussagten, daß bisher die Ohrweger die Rostruper Pferde in Ruhe auf dem Gelände an der Ollen hatten weiden lassen, waren auch die 3 nachstehend aufgeführten:
Oltmann Schwarting, Heuermann in Rostrup, alt ins 60. Jahr, ist bei Hausmann Brunken in Rostrup seinerzeit Schweinehirt gewesen (die Schweine mußten also auch in der damaligen Zeit ihr Futter in der Hauptsache im Walde suchen).
Johann Stamer, Heuermann in Ohrwege, alt ins 65. Jahr, hat in seiner Jugend als Schweinehirt oder Junge bei Röben in Ohrwege gedient.
Gerd Oltmanns, Heuerling in Rostrup, alt 44 Jahr, sei in Rostrup geboren, und habe immer sich darin aufgehalten, und als er zehn Jahre alt gewesen, sei er bei Gerd Hienen, Hausmann in Dienst gekommen und habe 7 Jahre bei solchem gedient.
Johann Renken Johanns, alt ins 47. Jahr, von Höstje Kamp, hat als ein 8-jähriger Junge zwei Sommer bei Hausmann Hienen zu Rostrup, nachher hei Jürgen Bohlken daselbst zwei Sommer, und nachher bei Johann Budden daselbst zwei Jahr gedient.“
Damals haben also die Ohrweger ihren Prozess verloren. Die ganze Sache hat sich nur wenig später bei der Aufteilung der dörflichen Gemeinheiten wohl von selbst gänzlich erledigt.
Quelle: Handschrift Wilhelm Brumund
07.07.1926, Anmerkung Friedrich Hinrichs: Der o. a. Text wurde von Hans Janssen († 1988) für seine in Angriff genommene Ohrweger Chronik anhand der genannten alten Handschrift seines Vorfahren mit Schreib-maschine erstellt. Von mir wurde diese Vorlage dann mit entsprechenden Tools in dieses Format gewandelt.
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Bau der Wittkuhlen Straße (in Eigenleistung)
Eine Erlebnisgeschichte vom Straßenbau in den Nachkriegsjahren. Eine Gemeinschaftsarbeit, an der sich viele Dorfbewohner beteiligt haben.
Eine Geschichte für die Ohrweger Chronik von Johann Sander:
An einem Nachmittag hatten wir mit einigen Landwirten über die schlechten Wege in Ohrwegerfeld gesprochen. Durch den Dreck kam stellenweise kein Auto und der damals einzige Zwischenahner Arzt musste in Notfällen sein Auto an der Straße stehen lassen und dann zum Kranken noch 3 km zu Fuß gehen. So ging es auch dem Tierarzt und manch anderen Autofahrer in der Herbst- und Winterzeit. Auch die Kinder kamen mit nassen Füßen in der Schule an.
Beinahe wäre 1914 der 2 km lange Neewischenweg mit Klinker bepflastert worden. Der Weltkrieg kam und bis Hinrichs wurde die Straße noch fertig und die gezeichneten Anliegergelder gingen mit der Inflation verloren. Nun war auch der 2. Weltkrieg vorbei und über 50 Jahre hatte man die unglaublichen Zustände hinnehmen müssen, das sollte nicht so weiter gehen. So war von einer kleinen beherzten Gruppe von Landwirten der Plan entstanden, nun gemeinschaftlich etwas zu unternehmen, denn vom Staat war nun nichts mehr zu holen. Wir wollten mit Steinschotter vom unbrauchbaren Rostruper Flugplatz Wege in Gemeinschaftsarbeit befestigen. Unser Vorhaben fand zunächst bei der neuen Obrigkeit wenig Zuspruch und man meinte, dass wir dafür doch keine Fahrzeuge und Kraftstoff bekommen würden. Und so war es auch, überall bekamen wir eine Absage, bis auf das Fuhrunternehmen von Bernhard Bruns (Maschinenfabrik), dort hatte man uns versprochen 2 Transportfahrzeuge zur Verfügung zu stellen, aber Dieselöl müssten wir auf dem schwarzen Markt selber besorgen.
Leider wurden später die Tatsachen vom Straßenbau sehr oft verdreht. Und besonders vor den Gemeinderatswahlen war von der großen Leistung der Gemeinde zu hören, dass so viele schlechte Wege befestigt werden konnten. Das war auch nach der Währung nur zum Teil richtig.
Die Zwischenahner Molkerei gab uns zunächst dankenswert unentgeltlich Kohlen für die Dampfwalze von der Oldenburger Straßenfirma Dannemann, die zunächst Schotter auf dem Flugplatz losreißen musste. Dieselöl konnte nach einer Specksammlung bei den Weganliegern bei Oldenburger Herren besorgt werden. Übrigens mit Speck, Wurst und Butter musste damals auch in anderen Fällen nachgeholfen werden. Doch als es endlich losgehen konnte, zog die Firma Bruns ihr Angebot zurück mit der Begründung, die Fahrten seien vom Kreisamt nicht genehmigt worden und man müsse die Dieselfahrzeuge anderweitig verwenden. Wir könnten aber 2 mit Holzgas betriebene Zugmaschinen mit Anhänger als Ersatz bekommen, doch trockenes Buchenholz das müssten wir selbst besorgen und das sei wohl kaum möglich.
Aber dass wir auch das in wenigen Tagen liefern konnten, damit hatte wohl niemand gerechnet. Buchenholz bekamen wir von den Ohrweger Bauern, die zum größten Teil Wegeanlieger waren. Das Holz wurde ruckzuck von der Arbeitsgemeinschaft gefällt, nach Kruses Sägerei gefahren, dort 15 cm lang zersägt und gespalten zu Tankholzscheite. In Kruses Sägerei wurde unentgeltlich gesägt und fleißige Holzhacker waren dort viele Tage am Werk. Von der Zwischenahner Holzspulenfirma Brandstätter (Intelmann) erhielten wir zum Glück die Genehmigung das Holz in der Trockenanlage zu trocknen.
Endlich war es dann so weit, die ersten Fahrzeuge konnten auf dem Neewischenweg (der späteren Wittkuhlenstraße) entladen werden. So ging es weiter in unermüdlichem schweren Arbeitseinsatz auf dem Flugplatz und bei der Straßenfertigung. Einen Winter lang bei Wind und Wetter aber auch mit unliebsamen Unterbrechungen bis im Frühjahr die neue Straße fertig war. Mit gemeinsamer Arbeit wurde sehr viel erreicht, so sprach auch lobend Amtshauptmann Winters bei der großen Einweisungsfeier in Lüttmanns Saal. Der Gemeindedirektor Deetjen ermunterte auch andere schlechte Feldwege so zu befestigen. Und so geschah es später auch in Ohrwege und in anderen Orten der Gemeinde. Im Archiv der Zwischenahner Gemeindeverwaltung sollte unsere Festzeitung von dem Straßenbau in Ehren aufbewahrt werden, damit später unsere Nachkommen noch mal von dieser einzigartigen Gemeinschaftsarbeit in der Notzeit etwas erfahren könnten.
Ich möchte diesen kleinen Bericht für die Ohrweger Chronik aber nicht beenden, ohne noch mal einige treue Ohrweger zu nennen, die zusätzlich unermüdlich tagelang mit unterwegs waren, damit wir Geld und Gut zusammen bekamen. Und die mit dabei waren bei vielen Verhandlungen für unsere Straße: Johann Kerkhoff, Diedrich Melms, Gerhard Kruse, Johann Klostermann, die von der Gemeinschaft als Interessenvertreter beauftragt waren und dazu gehörte auch meine Wenigkeit, und ich habe damals das Nötige aufgeschrieben. Das ist nun schon alles sehr lange her und Gerhard Kruse meinte einige Zeit vor seinem plötzlichen Tode auf unserer silbernen Hochzeit “wi olen Strootenmokers wird ümmer weniger, noher glöwt nümms mehr wie stuur dat domols wen is“.
Einige alte Aufzeichnungen, Anliegerbeiträge-Listen, Arbeitsvertrag mit den Fuhrunternehmern, Straßenzeitung für die Einweihungsfeier usw. sind noch in meinem Besitz.
Johann Sander
07.07.2026, Anmerkung Friedrich Hinrichs: Diese Geschichte zur Wittkuhlenstraße wurde von Johann Sander († 1982) so festgehalten. Das vormalige Stück Klinkerstraße, von uns bis zum Ohrweger Krug, ist mir aus der Schulzeit noch gut in Erinnerung. Dass dieser Abschnitt bereits 1914 erstellt wurde, war mir allerdings neu. Von uns (Haus-Nr. 6) bis zum 5-Wege-Kreuz war das zu meiner Schulzeit dann schon eine schöne schmale Teertrasse. Super in Schuss und mit gepflegten Seitenstreifen, ganz im Gegensatz zu heute. Die Böschungen der Bäken-Brücke waren mit groben flachen Betonbrocken erstellt. Das habe ich von meinem Vater her noch in Erinnerung, dass diese Brocken vom ehemaligen Flugplatz kamen. Auch der geschotterte vordere Abschnitt vom Mitteldamm in Verlängerung der Wittkuhlenstraße soll mit Material vom Flugplatz erstellt worden sein.
Diesen Teil habe ich von damals auch noch gut in Erinnerung. Heute hat dieser Abschnitt auch eine Teerdecke.
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